22. September 2019 von Peter Hofmann

Typö 35 – Special Nationalratswahl 2019

Eine Schrift-Special zur österreichischen Nationalratswahl. Nach den Typö-Specials zur NRW-2013 und der Wienwahl 2015 folgt endlich wieder ein FontsInUse zur österreichischen Politik.
Wenige Tage vor der Wahl ist Österreich flächendeckend mit Wahlwerbung überzogen und fast alles besprochen oder analysiert. Große Ausnahme: die Schriftwahl!

Disclaimer: Eine Wahlempfehlung gibt es auch diesmal nicht. Es werden nur Plakate im Format A0 und kleiner behandelt.

ÖVP: Geomanist

Nach den Falter-Enthüllungen fragt man sich wo die ÖVP spart. Typö-Enthüllung: die Frisörkosten holen sie bei den Schriften wieder rein. Der Regular-Schnitt der Geomanist ist kostenlos, den Preis für die Familie darf man sich aussuchen.
Davon abgesehen ist die Geomanist eine gute und unverbrauchte Schrift, die auch gut ins grafische Gesamtkonzept der »neuen« ÖVP passt.
Das exzessive Unterstreichen zieht sich durchs Corporate Design der Volkspartei. Der Fokus der Kampagne lag offensichtlich auf den großen Bogenplakaten, die kleineren Varianten wirken ein wenig lieblos runtergebrochen. Die Spationierung ist recht eng.

SPÖ: FF DIN

Wenn Pamela Rendi-Wagner etwas verzwickt blickend »Menschlichkeit« einfordert, würde man diese gerne auch bei der Schriftwahl empfehlen. Die FF DIN hat viele Qualitäten – Eigenschaften wie „menschlich“ und „freundlich“ zählen nicht vordergründig dazu. Das mäßig gelungene Herzerl-M und der komische Tixo-Effekt machen es auch nicht besser.

FPÖ: BF Konkret Grotesk, Neue Helvetica

Im Vergleich zu 2013 und 2015 wirkt bei der FPÖ alles weniger trashig und handwerklich brav gemacht. Die Schrift Konkret Grotesk kam bereits im EU-Wahlkampf 2019 zum Einsatz. Damals war die FPÖ noch in der Regierung und ihre Welt in Ordnung. Post-Ibiza gibt man sich als von Staatsymbolik umwehte Garanten von Rechts und Ordnung. Eine solidere Schrift hätte wahrscheinlich besser gepasst, die Konkret wirkt im Boldschnitt eher freundlich, nett und ein wenig clumsy. In der ersten Plakatwelle (Kickl) hatte sich noch die Neue Helvetica bei den Namen der Kandidaten dazugeschummelt. Bei der zweiten Welle (Hofer) passt die optische Gewichtung nicht.

Grüne: Gotham

Die Grünen sind die typografische Konstanz bei der Schriftwahl. Kein Wunder: die Gotham von HFJ ist ein Font der alle Stückeln spielt. Zum Einsatz kommt die Narrow Black im Versalsatz, leicht gedreht, eng spationiert und ohne Durchschuss. Sehr dynamisch, hübsch anzuschauen aber Optimierungsmöglichkeiten im Detail.
Mussten bei der EU-Wahl noch die SpitzenkandidatInnen für Duplexeffekte herhalten, hat man sich diesmal eines besseren besonnen und färbt stattdessen u.a. mutmasslich korrupte Politiker, Eisbären und Babys ein. Die Farben sind auffällig mit Tendenz zum Augenkrebs.

neos: Montserrat

Die neos benutzen mit der Montserrat das GoogleFonts-Pendant zur Gotham. Besonders auf den Typo-Plakaten sind die Unterschiede zwischen Grünen und neos marginal.
Die neos setzen auf weniger knallige Farben und nicht gedrehte Schrift. Die Varianz in der Schriftgröße ist den teilweise langen Worten geschuldet, aber nicht besonders gut gemacht. Am Schwarz-Weiß-Plakat mit Beate Meinl-Reisinger ist der Kontrast zur weißen Schrift grenzwertig.

JETZT: Cerebri Sans

JETZT (fka Liste Pilz) hat keine Plakate. Wenn sie in ihren Außenauftritten eine Nicht-Office-Schrift benutzen, dann die Cerebri Sans. Die geometrische Grotesk kommt von der in den Vereinten arabischen Emiraten oder den Philipinnen angesiedelten Foundry Hanken Design Co.

Wir können / KPÖ: Museo Sans, Oswald

Die KPÖ hat angeblich Plakate, aber ich bin keinem begegnet. Danke an Eva Zeglovits die mir über Twitter das Foto zur Verfügung gestellt hat!

Die KPÖ kandidiert bei der heurigen Nationalratswahl als linkes Bündnis unter dem Namen »Wir können«. Als Schrift kommt Jos Buivengas Museo Sans zum Einsatz. Museo und Museo Sans waren um 2010 unglaublich angesagt. In der Zwischenzeit sind sie ein wenig außer Mode gekommen, was aber nichts daran ändert, dass es sehr gute Schriften sind. Auch die Plakate sind reduziert und gut gemacht. Lediglich der etwas komplexe Bündnisname weckt Monty-Python-Assoziationen und kann auch optisch nicht viel. Gesetzt ist dieser mit der Oswald, einem GoogleFonts-Klassiker, der hier mittels »Horizontaler Skalierung« brutal gequetscht wurde.

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